Mittwoch, 22. Januar 2020 19:30 Händel-Haus

Zwischen proletarischer Emphase, Stalin‘schem „Realismus“ und individueller künstlerischer Selbstbehauptung

Fragen zum konträr beurteilten Leben und Schaffen Dmitri Schostakowitschs

Musik hinterfragt: Zwischen proletarischer Emphase, Stalinschem „Realismus“ und individueller künstlerischer Selbstbehauptung - Fragen zum konträr beurteilten Leben und Schaffen Dmitri Schostakowitschs

Referent: UMD i. R. Ekkehard Ochs, Greifswald

Ort: Händel-Haus, Romanisches Gewölbe

 

Dank der Unterstützung des Freundes- und Förderkreises des Händel-Hauses zu Halle e. V. sind die Vorträge für die Zuhörer kostenfrei.

Tickets:
freier Eintritt

Dmitri Schostakowitsch (1906–1975) gehört unzweifelhaft zu den herausragenden Komponisten­persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Sein Leben und Schaffen war zunächst geprägt von den gesellschaftlichen und künstlerischen Folgen der Revolution 1917 und den sich vehement entfaltenden, schnell aber auch polarisierenden musikalischen Entwicklungen der frühen Sowjetjahre, den Jahrzehnten einer auch die Entwicklung der Künste gravierend verengenden und damit hemmenden Diktatur unter Stalin sowie den auch nach dessen Tod (1953) stets vorsichtig, letztlich aber sehr persönlich genutzten Möglichkeiten individueller kompositorischer Entfaltung. Schostakowitschs Tragik bestand in dem schwer lösbaren Widerspruch, sein grandioses Talent samt exponiertem Ausdruckswillen den ganz auf Vereinfachung und gesellschaftspolitische „Nützlichkeit“ reduzierten Anforderungen eines sozialistischen Bilderbuch-Realismus unterordnen zu sollen. Das zeitigte schöpferische Wendungen, ja Brüche und eine häufige Gratwanderung zwischen (auch scheinbarer) Angepasstheit und individueller künstlerischer Selbstbehauptung. Nicht zuletzt ist es dieser musikalisch allerdings immer schwer zu fassende Zwiespalt, der zu noch heute irritierend heftigen negativen Beurteilungen Schostakowitschs führte: mit den geradezu obsessiv geführten Musik-und Ästhetik-Diskussionen von 1936 und 1948 in der Sowjetunion selbst – Schostakowitsch als „Formalist oder gar „Volksfeind“ – aber auch in der westlichen Welt, die dem Komponisten noch lange und nicht selten das Etikett eines „Staatskomponisten“ oder – als Gegenteil – das eines Dissidenten anheftete. Unklarheiten, Unsicherheiten überall! Aber auch eine Menge neuerer, auch dokumentarisch wertvoller wissenschaftlicher Literatur, die sich weitgehend erfolgreich und um viele Erkenntnisse reicher nunmehr um ein objektiveres, realistischeres Bild Schostakowitschs bemüht. Diskussionswürdig bleibt dennoch vieles, nicht zuletzt die umstrittenen „Memoiren“ oder der neuere Schostakowitsch-Roman von Julian Barnes („Der Lärm der Zeit“). Und es bleibt ein so vielfältiges wie vielfach großartiges kompositorisches Werk. Es immer wieder und in vielerlei Hinsicht auch konträr zu hinterfragen, kann letztlich nur Verständnisgewinn bedeuten.
Der Vortrag wird die Biographie Schostakowitschs kurz darstellen, ihre neuralgischen Punkte anhand dokumentarischer Belege erörtern, Bewertungsvorschläge machen und mit Musikbeispielen die kompositorische Spezifik Schostakowitschs darstellen. Zu erwarten sind offen bleibende Fragen, die für eine Diskussion benutzt werden können.

Ekkehard Ochs, geboren 1940 in Halle (Saale), studierte Musikwissenschaft und Germanistik in Halle, war von 1965 bis 1969 Wissenschaftlicher Assistent am Musikwissenschaftlichen Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald und seit 1969 am gleichen Ort bis 2003 Universitätsmusikdirektor. Die Arbeitsfelder: Universitätschor, collegium musicum, Universitätskammertrio, Lehrverpflichtungen im Fach Musikgeschichte. Forschungsschwerpunkte: Russische und sowjetische Musik, Musica Baltica, Musikpublizistik.

Spannende Themen und hochkarätige Referenten erwarten Sie bei der beliebten populärwissenschaftlichen Vortragsreihe „Musik hinterfragt“. Fachexperten sprechen unter Einbeziehung von Klangbeispielen über musikalische Themen, die mit der Arbeit der Stiftung Händel-Haus verbunden sind oder durch besondere Anlässe, wie Jubiläen, auf breiteres Interesse stoßen. Den Vorträgen schließt sich meist eine offene Diskussion an, bei der die Anwesenden das Gehörte „hinterfragen“ können.