„Musikalische Malereien“ - 100 Jahre Händel-Opern-Renaissance

In diesem Jahr feiern wir ein besonderes Jubiläum: Vor 100 Jahren wurde in Göttingen die erste barocke und damit auch Händel-Oper nach über 150 Jahren wiederaufgeführt. Der Mann der Stunde war 1920 Oskar Hagen. Er hatte Kunstgeschichte und Musikwissenschaft studiert, ging 1913 an die Universität in Halle (Saale), wo er promovierte. Hier kam er in Kontakt mit Hermann Abert, Professor des von ihm selbst 1913 gegründeten musikwissenschaftlichen Seminars. Und hier wurde die Idee einer szenischen Wiederaufführung von Händels Opern geboren, die schließlich 1920 mit der Aufführung von Händels „Rodelinda“ in Göttingen, wohin Oskar Hagen 1918 einem Ruf der dortigen Alma mater folgte, ihre Umsetzung fand. Unterstützt wurde er dabei von einem anderen Hallenser: Dem Architekten und Ausstatter Paul Thiersch, der seit 1915 die Hallesche Handwerkerschule leitete und reformierte, aus der 1922 die „Werkstätten der Stadt Halle, Staatlich-städtische Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein“ hervorging. Der Erfolg der „Rodelinda“-Aufführung in Göttingen war nachhaltig: In den folgenden Jahren gab es nicht nur in der niedersächsischen Universitätsstadt weitere Händel-Opern zu sehen, sondern in ganz Deutschland – so auch in Halle 1922 – wurde das Opernschaffen Händels wiederentdeckt, weshalb man das Jahr 1920 als Beginn der Händel-Opern-Renaissance bezeichnet.

Mit der Wahl des Themas „Musikalische Malereien“ möchten wir dem Kunsthistoriker und Musikwissenschaftler Oskar Hagen unsere Referenz erweisen, der in seinen Studien beide Künste wiederholt zusammenführte. Dabei liegt es nahe, insbesondere das oratorische Schaffen Händels in den Blick zu nehmen, in denen es eine Vielzahl von Tonmalereien gibt. Berühmt ist hierbei insbesondere „Israel in Egypt“, in dem nicht nur der Text von Hagel, Fröschen, Mücken, Dunkelheit   u. ä. berichtet, sondern auch von Händel eindringlich musikalisiert wurde. Schon die Zeitgenossen bemerkten Händels besondere Vorliebe für diese Tonmalereien. Karl Friedrich Zelter wies hierauf beispielsweise in einem Brief vom 14. November 1828 gegenüber Goethe hin: „Das Ohr wird zum Auge, man möchte Farben unterscheiden, Gestalten, Geschlechter.“

So wundert es auch nicht, dass man ebenso bei der Suche nach Tonmalereien in den Opern Händels fündig wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn in den Libretti Naturphänomene als Metaphern verwendet werden. Unzählige Gewitter und Meeresstürme findet man in Arientexten, die den jeweiligen Seelenzustand des entsprechenden Protagonisten widerspiegeln – und Händel nutzt dies und entfacht hier wahre musikalische Stürme. Er gestaltet eindringliche Nachtbilder, vertont arkadische und Hirtenbilder, man hört Tierlaute, wobei die Vogelstimmen besonders häufig und gerne von Händel aufgegriffen werden, und anderes mehr. Händels Bestiarium hat die Autorin Donna Leon ein eigenes Buch gewidmet. Eine wichtige Rolle für die Klangmalereien Händels spielt das Orchester. Charles Burney fiel dies bereits Ende des 18. Jahrhunderts auf, als er über die Begleitung eines Accompagnato-Rezitativs in der Oper „Teseo“ schrieb, der Komponist habe „die wilde, ungebändigte Wut der rasenden Zauberin Medea und ihrer Beschwörungen von den Instrumenten wunderbar gemalt”.

Clemens Birnbaum