„Empfindsam – heroisch – erhaben. Frauenfiguren in der Musik zur Zeit Händels“,

so titelte der Zürcher Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken seine Einführung zu einem Symposium, das im Rahmen der Göttinger Händel-Festspiele 2015 stattfand. Die halleschen Händel-Festspiele greifen nun vom 31. Mai bis 16. Juni 2019 dieses, heute weiterhin aktuelle gesellschaftliche Thema auf und ließen sich dabei von Laurenz Lüttekens Gedanken inspirieren. (In dem Zusammenhang danke ich Prof. Lütteken herzlich, dass er einer Verwendung seines Einführungstitels zustimmte.) Zwar mag man annehmen, dass mittlerweile und zumindest in Europa nach der vor über 200 Jahren von Olympe de Gouges verfassten „Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne“ (Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin) aus dem Jahr 1791 die dort geforderte rechtliche, politische und soziale Gleichstellung von Mann und Frau Realität geworden ist, doch dies ist auch im heutigen Deutschland noch nicht der Fall. Besonders deutlich belegen dies Statistiken und gesellschaftliche Debatten der vergangenen Jahre. Die Bundeszentrale für politische Bildung konstatierte in ihren Informationen im Jahr 2014 eine weiterhin bestehende soziale Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Dort heißt es: „Während die Benachteiligung der Frauen im Bildungssystem inzwischen verschwunden ist, lebt sie in abgeschwächter Form in der Arbeitswelt, der Politik und insbesondere in der Familie fort.“ Statistiken sprechen hier für sich: Es gibt weiterhin einen signifikanten Einkommensabstand zwischen Frauen und Männern, auch wenn diese dieselben Tätigkeiten ausüben. Und um gegen Ungleichheiten in der Arbeitswelt vorzugehen, fühlten sich Bundesregierung und Deutscher Bundestag erst vor Kurzem dazu veranlasst, ein Gesetz zu verabschieden, in dem eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Führungspositionen festgeschrieben wird.
Nicht zuletzt hat die Metoo-Debatte im Zuge des Weinstein-Skandals ab Oktober 2017 deutlich gemacht, wie sexuelle Belästigungen und sexuelle Übergriffe durch bestehende und missbrauchte Machtstrukturen von Männern gegen Frauen im Kultursektor funktionieren. In diesem Kontext wurde auch hinterfragt, wie es in der Filmbranche dazu komme, dass beispielsweise die männlichen Regisseure bei den renommierten Filmfestspielen in Cannes deutlich mehr Preise gewinnen als die Regisseurinnen. Machen Frauen etwa schlechtere Filme? Oder werden sie schlichtweg bei Preisvergaben diskriminiert? Wenn man, wie dies bei den Filmfestspielen in Cannes geschah, die jährlichen Händel-Preisträger geschlechterspezifisch betrachtet, dann lässt sich feststellen, dass zumindest bei der Vergabe in den letzten Jahren mehr Frauen beachtet wurden als Männer. Zwar haben seit dem Jahr 1993 18 Männer und nur 7 Frauen den Händel-Preis zuerkannt bekommen, blickt man aber auf die Preisträger seit 2010, so ist zu konstatieren, dass im jüngsten Zeitraum der Händel-Preis fast eine Frauen-Domäne war: Sechs Preisträgerinnen stehen zwei männlichen Preisträgern gegenüber. Hierbei wurde bereits die diesjährige Preisträgerin berücksichtigt: Prof. emerita Dr. Silke Leopold, eine international geachtete, aus Deutschland kommende Händel-Forscherin. 
Schauen wir einmal auf die Frauen zu Händels Zeiten vor rund 300 Jahren zurück. Bei Händels Mutter und Schwestern fällt zunächst auf, dass wir für die weiblichen Mitglieder der Familie Händel keine Abbildungen besitzen, wohingegen wir zumindest eine von Händels Vater haben. Ist dies ein Zufall oder steht dies in einem Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Stellung der Frau im 18. Jahrhundert? Fakt ist, dass Frauen zu damaliger Zeit kaum Rechte hatten. Grob gesagt, man hatte an sie drei Erwartungen: Sie sollten eine tugendhafte Gattin sein, die Mutter von Kindern werden und den Hausstand ordentlich führen. Wenn der Ehemann starb, war die ökonomische Lebenssituation einer Frau zumeist äußerst kritisch, weil die Frau häufig weder Rente noch Alimente erhielt und einem eigenen Beruf nicht nachgehen konnte. Umso mehr erstaunt, ohne dass hierüber Details bekannt sind, dass Händels Mutter nach dem Tod ihres Mannes 1697 bis zu ihrem Tod 1730 weiterhin in dem ihr vermachten Haus lebte, in dem sie zuvor u. a. auch ihren Sohn Georg Friedrich zur Welt brachte. Zwar lässt sich daraus erkennen, dass Dorothea Händel zu den privilegierteren Frauen zählte, aber wovon sie tatsächlich ihren Lebensunterhalt bezog, wie sie in Halle als Witwe lebte, ist nichts bzw. nur Weniges bekannt. Am ausführlichsten erfährt man etwas über das Leben der Dorothea Händel, geborene Taust, wieder von einem Mann: von Johann Georg Francke, der nach ihrem Tod ihre Leichenpredigt schrieb.
Ihr Sohn Georg Friedrich Händel hatte in seinem Leben Kontakt zu ganz unterschiedlichen Frauen: Er kam mit Königinnen zusammen, die ihr Land regierten bzw. die die Staatsgeschäfte führen durften, wenn der königliche Gatte nicht im Land war. Er lernte Frauen aus Adel und der bürgerlichen Gesellschaft kennen, die dem zeitgenössischen Frauenbild entsprachen oder, wie Mary Delany, nach Emanzipation strebten. Und natürlich arbeitete er mit Schauspielerinnen wie Kitty Clive, Tänzerinnen wie Marie Sallé und Sängerinnen wie Francesca Cuzzoni zusammen, die zwar für ihre Bühnendarstellungen bejubelt, aber in der Regel seitens der Gesellschaft moralisch missachtet wurden. Die zuletzt genannte, kapriziöse und extravagante Operndiva hätte sich möglicherweise heute in der Metoo-Debatte gegen Händel zu Wort gemeldet. Zwar handelt es sich bei der überlieferten Anekdote nicht um einen sexuellen Missbrauch, als Händel die Sängerin eine „veritable Diablesse“ nannte und ihr drohte, sie aus dem Fenster zu werfen, nachdem sie sich bei einer Probe weigerte, eine Arie zu singen; dennoch könnte man auch hier die verbalen und körperlich angedrohten Übergriffe als einen Akt der Diskriminierung und Degradierung deuten.