Das Festspiel-Thema „Helden und Erlöser“

Mit dem Motto „Helden und Erlöser“ setzen die Händel-Festspiele gemeinsam mit dem Bachfest Leipzig einen Fokus auf das heute noch berühmteste Werk des halleschen Komponisten: den „Messiah“. Dieses Oratorium erklingt bei den Festspielen in drei verschiedenen Versionen bzw. Bearbeitungen: Neben der Händel’schen Londoner Originalfassung kann man die wenig bekannte deutsche Textfassung Johann Gottfried Herders kennen lernen sowie einen bearbeiteten „Messiah“ im karibischen Musikstil, die ihre europäische Erstaufführung in Halle feiern wird. In vielen weiteren Aufführungen der Händel-Festspiele 2021 wird die Lebensgeschichte Jesu oder Abschnitte hieraus musikalisch erzählt. Eröffnet wird das Musikfest mit Händels Brockes-Passion, in der Jesus nicht als ein über den Tod triumphierender Held erscheint, sondern als duldender Mensch, durch den die Menschheit von ihren Sünden erlöst wird.

Jesus als Erlöser wird immer auch als Held über den Tod und die Sünde gesehen. Darauf aufbauend, wird das Thema der Festspiele mit anderen Vertonungen christlicher Heldengeschichten erweitert, z. B. auf die Märtyrerin Theodora oder Judas Makkabäus (die Aufführung muss Corona-bedingt leider ausfallen), der zu Beginn des 14. Jahrhunderts in der Literatur- u. Kunstgeschichte als einer von „Neun Guten Helden“ dargestellt wird (vgl. hierzu das französische Versepos „Les Voeux du Paon“ von Jacques de Longuyon aus dem Jahr 1312 sowie bildliche Darstellungen wie im Hansesaal im Rathaus zu Köln).

Die Liste dieser „Neun guten Helden“ enthält nicht nur jüdische Helden des Alten Testaments; man findet u. a. auch antike Helden wie Alexander den Großen oder Julius Caesar. Diese stehen häufig als Protagonisten auf der Barockopernbühne. So auch bei Georg Friedrich Händel. Dies ist Anlass in einigen Konzertprogrammen der Händel-Festspiele 2021 diese Helden in den Blickpunkt zu nehmen („Alessandro amante“, „Giulio Cesare – ein barocker Held“). Ergänzt wird das Programm mit anderen Heldengeschichten wie die um den legendären persischen König Xerxes.

Nicht zuletzt möchten die Händel-Festspiele mit der Themensetzung „Helden und Erlöser“ auch die moderne Helden-Verehrung reflektieren: Es scheint ein Phänomen der Zeit, dass die Bevölkerung in verschiedenen Gesellschaften auf der Erde denjenigen Politikern folgen möchte, die mit einfachen Antworten auf komplexe Zusammenhänge als tatkräftige „Helden“ quasi als „Erlöser“ wirrer Ängste wirken, wohingegen den abwägenden und auf Kompromisse zielenden und damit nach einem Konsens strebenden Kräften große Skepsis entgegen gebracht wird. Im Gegensatz dazu zeigt die Barockoper, dass selbst die berühmtesten Helden und Staatenlenker erst dadurch zu wahren Helden werden, wenn sie Größe zeigen, indem sie nicht in einem simplen Schwarz-Weiß-Denken verharren, sondern stattdessen Tugenden wie beispielsweise Großzügigkeit walten lassen und selbst bei schlimmsten Vergehen verzeihen können. Erst dadurch werden sie zu Helden und erweisen sich ihres Amtes als würdig.

 
Clemens Birnbaum